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Ist das dann noch gutes Deutsch?

Liebe Leserinnen und Leser des Schreibtipps,

vor einigen Wochen hatte ich einen jungen Teilnehmer in einem meiner Workshops, frisch aus der Ausbildung und auch noch gar nicht so lange aus seinem Leistungskurs Deutsch an der Schule heraus. Also jemand mit einem Interesse und einem Gefühl für Sprache. Trotzdem bekam er im Workshop so viel Tipps zum Kürzen seines Textentwurfs, dass am Schluss nur noch die Hälfte davon übrig blieb.

Oft werden Workshops zum beruflichen Schreiben als Verlängerung des schulischen Deutschunterrichts angesehen. Aus meiner Sicht stimmt das nur zu einem kleinen Teil. Denn ja, beim beruflichen Schreiben geht es auch um Wortwahl und manchmal um Grammatik. Aber vor allem geht es dabei um Prägnanz und das Erreichen der Kommunikationsziele. Und das kann mitunter auch den etwas anderen Umgang mit Regeln bedeuten, die wir im Deutschunterricht gelernt haben. 


Geschäftskommunikation vs. Deutschunterricht –
3 Punkte im Vergleich:

1. Prägnanz geht vor Länge

Stundenlang geschrieben und am Ende der Klausur die Wörter gezählt. Daran erinnern sich bestimmt einige von Ihnen aus der Schulzeit. Hatten Sie hinterher auch das Gefühl, gewonnen zu haben, umso mehr Wörter Sie geschafft hatten?

In E-Mails, Angeboten, Werbetexten und Berichten kommt es allerdings gerade nicht auf die Länge an, sondern auf Prägnanz und Relevanz.

Hier gilt das Punkteprinzip andersherum: Für jedes Wort und jeden Satz, das oder den Sie herausnehmen können, ohne dass der Text inhaltlich oder vom Ton her etwas verliert, gibt es Punkte – von Ihren Leserinnen und Lesern.


2. Persönlichkeit statt Formeln

Ob „In Anbetracht der Umstände ersuchen wir Sie ..." oder „Ihrer Anfrage folgend teilen wir ihnen mit". Wenn wir neu im Beruf sind, können Formeln aus der Geschäftskorrespondenz oder der jeweiligen Branche Halt geben. Aber sie überdecken oder „verstecken" leider oft auch das, was wir eigentlich sagen wollen. Außerdem sorgen sie für verschachtelte Sätze.

Alles lässt sich einfacher und natürlicher formulieren. Und so kann ein Text dann auch besser Sie und die Beziehung wiederspiegeln, die Sie zu den jeweiligen Lesenden haben.


3. Flexibel im Ton

Noch ein Beispiel aus einem meiner Workshops. „Bei Fragen – Ihr Ansprechpartner: ... " ist als eine der Lösungen in einer Formulierungsübung an der Pinnwand zu lesen.

Einer der Teilnehmer fragt, ob das dann noch gutes Deutsch sei. Als Deutschlehrerin würde seine Frau so etwas nicht durchgehen lassen.

Ein guter Einwand! Anders als im Deutschunterricht können wir in der beruflichen Kommunikation allerdings sogar mit der Grammatik spielen – je nachdem, ob es so zu unserem Unternehmen, zu uns als Absender, zum Thema und zum Empfänger passt.

 

An die Frage nach „gutem" oder „richtigem" Deutsch gehe ich in der beruflichen Kommunikation also mit anderen Kriterien heran. Dabei geht es nicht um Nachlässigkeit, sondern gerade darum, die ganze Vielfalt der kommunikativen und sprachlichen Möglichkeiten zu „bespielen".

Wenn Sie Sprache schon im Deutschunterricht gemocht haben, dann begeistern Sie sich gern weiterhin für ihre vielfältigen Möglichkeiten. Und wenn nicht, dann könnte die berufliche Kommunikation Ihre Chance sein, Geschmack am Schreiben zu gewinnen.

Für heute grüßt Sie herzlich

 

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